Journalisten:
Leute, die ein Leben lang darüber nachdenken,
welchen Beruf sie eigentlich verfehlt haben.
MARK TWAIN

Als stolzer Besitzer eines Abonnements der Leipziger Volkszeitung sitze ich gerne morgens auf dem Balkon, gieße Kaffee in mich hinein, löse das Sudoku und arbeite mich nach und nach durch die mit allerlei zu Wörtern und ganzen Sätzen aneinandergereihten Buchstaben, die im Kontext gelesen einen Bericht oder Kommenmtar ergeben. Doch genug der Vorrede.

Das Problem mit den Zahlen
Die Evolution hat unsere Gehirne offensichtlich nicht mit der Möglichkeit ausgerüstet, uns unter großen Zahlen wirklich etwas vorstellen zu können. Und so neigen wir dazu, diese in einem Vergleich aus dem Alltäglichen plastischer werden zu lassen. Auch Journalisten tun das gelegentlich. Und das ist - im Normalfall - auch gut so. Als ich gestern den Leitartikel mit dem schönen Titel Unbezahlbar - jedenfalls mit Geld las, wurde ich jeoch stutzig. Dabei war ich mit dem Tenor des Textes über den Wahnsinnspreis für das weltberühmte Edvard-Munch-Gemälde "Der Schrei" durchaus einverstanden. Das passiert mir nicht immer bei der LVZ, insbesondere nicht bei der hin und wieder recht unkritischen Kommentierung der Landespolitik.

Der Autor schreibt, dass ein sächsischer Durchschnittsarbeitnehmer für die bei der Versteigerung erzielten 90 Millionen Euro 30.000 Jahre lang arbeiten müsse. Ich rechne nach. Das geht durchaus im Kopf. Also: 90 Millionen, das ist eine Neun mit sieben Nullen. Davon die vier Nullen von 30 Tsd. abziehen, bleibt eine Neun mit drei Nullen. Ergo 9.000. Geteilt durch drei ergibt 3.000. Mir kommt die Zahl eher spanisch denn sächsisch vor. Auch wenn Sachsen im bundesdeutschen Ländervergleich nicht als Hochlohnland gilt, ergibt das einen doch eher unwahrscheinlichen Durchschnittsverdienst von 250 Euro im Monat. So halte ich das niedergeschriebene Ergebnis vorläufig für einen Druckfehler.

Doch weiter unten im Text erfahre ich, dass deutsche Künstler im Schnitt 10.000 Euro pro Jahr verdienen. "Einer von ihnen hätte," so der Autor, um sich das Werk leisten zu können, "vorausgesetzt jemand würde ihm Kost und Logis gesponsert haben gegen 90.000 vor Christus mit den Arbeiten begonnen haben". Irgendwie misstraue ich dieser Rechnung ebenfalls. Ich wähle ich das umgekehrte Verfahren wie oben. Ich multipliziere also. Auch das geht im Kopf. Und siehe da. 10.000 mal 90.000 ergibt eine Zahl mit einer Neun vorne und acht Nullen dahinter. Mithin 900 Millionen. Jetzt mag ich an einen Druckfehler nicht mehr glauben, zumal der Autor noch erläuternd hinzugefügt hatte, dass just "zu dieser Zeit der Homo sapiens nach Europa kam."

Ich nahm an, dass der Leitartikler, über dessen Namen der Mantel der schweigenden Gnade gedeckt sei - schließlich handelt es sich bei Dyskalkulie um eine ernsthafte Erkrankung - von anderer Seite auf den Fehler aufmerksam gemacht worden sei. So erwartete ich in der heutigen Ausgabe eine launige Korrektur. Etwa in der selbstironischen Art eines Mark Twain.

Gespannt schlug ich heute morgen die Zeitung auf und wurde gleich fündig. So jedenfalls meine Vermutung, als ich den Titel las: Genauigkeit. Zwar nicht auf der Titelseite, dort, wo gestern der Leitartikel prangte, dafür jedoch im Lokalteil. Humorig war das Geschriebene. Auch ironisch. Doch mit den verkorksten Rechenbeispielen des Vortages hatte es nichts im Sinn. Der Schreiber - es war nicht der Leitartikler von gestern - machte sich zurecht darüber lustig, dass die OB-Wahl in Halle um zwei Wochen verschoben werden muss, weil der Ausschreibungstext vom vorletzten Mal veröffentlicht wurde. Peinlich, peinlich. Um die Kurve nach Leipzig zu kriegen, mahnte er denn auch. "Also Obacht im Leipziger Rathaus, dass präziser gearbeitet wird als bei den Halleschen Kollgen."

Dabei hatte der Text so vielversprechend begonnen. "Mit der Genauigkeit ist es so eine Sache, davon können wir Schreiberlinge an manchen Tagen ein Lied singen." Präzise.