Mathematische Theorien über die Wirklichkeit
sind immer ungesichert - wenn sie gesichert sind,
handelt es sich nicht um die Wirklichkeit.
ALBERT EINSTEIN

Ich bin dann mal weg
Es sind jetzt um die drei Jahre her, dass ich begonnen habe, mich über Facebook, Twitter und mittels dieses Blogs in der virtuellen Welt zu tummeln. Zeit, mich zu vergewissern, ob - und gegebenenfalls wie - sich die Aufnahme, neuronale Bearbeitung und Wiedergabe von den Informationasschnipseln und dem Wissensstückwerk aus dem Netz auf mein Gehirn ausgewirkt hat.

Als ich begann, darüber nachzudenken, ob meine neuronalen Netze sich durch den teils exzessiven Aufenthalt im Internet verändert haben, stellte ich verblüfft fest, dass die Zusammenhänge, die ich erkannt oder zu erkennen geglaubt hatte, in aller Regel gar nicht aus dem Internet stammten, sondern aus der intensiven Auseinandersetzung mit Büchern. Mein Gehirn - welches Areal zuständig sein mag, ist eines der Details, die mich zunächst einmal nicht interesieren, da ich ja Zusammenhänge verstehen möchte - liebt es offensichtlich, sich ausführlich mit Texten zu beschäftigen. Es möchte die Gegenstände des Denkens sezieren, sie hin- und herwälzen, um zu einer halbwegs gesicherten Erkenntnis zu kommen.

Heinrich Heine, einer jener armen Wichte, die noch ohne Internet auskommen mussten, hat einmal gesagt:

Die Freiheit der Meinung setzt voraus, dass man eine hat.

Ich bemerkte, nachdem der anfängliche Netz-Enthusiasmus einer nüchterneren Betrachtung gewichen war, dass ich, um mir eine Meinung bilden zu können, mehr benötigte als die Wissensfetzen, die mir das Internet anzubieten in der Lage ist. Die romantische Verklärung des Internet zum demokratischten aller Medien, mittels dessen sich eine allumfassende politische Transparenz herstellen ließe, erscheint mir denn doch allzu naiv.

Twitter - mit 140 Zeichen zur Glückseligkeit?
Oder doch nur Politik in homoöpathischen Dosen? Genau die Art der Verklärung des Internets zum heiligen Gral der Moderne führt vielleicht auch zu der momentan grassierenden Koketterie, eine Meinung zu haben sei uncool. Das Medium als Ziel? Sinnstiftend, sozial und Wissen schaffend zugleich? Ich habe da meine Zweifel.

Wer heute von Surf-Attacken gepeinigt durchs Netz jettet, hier mal kurz anhält - unverbindlich, wie er meint - irgendwo reinschaut, auf einen neuen Link stößt und so vom Hölzchen auf`s Stöckchen kommt, ist am Ende seiner Tour oft weniger schlau als zuvor. Die Erkenntnis, dass es sich beim Internet zunächst einmal um ein Werkzeug handelt, dass, wie alle Werkzeuge der Erhöhung der Effizienz verpflichtet ist, scheint sich noch nicht durchzusetzen. Die Erhöhung von Effizienz jedoch geht seit jeher mit Entfremdung einher. Dazu gibt es viele höchst lesenswerte Ausführungen. Angefangen vom alten Testament bis zu Marx und Engels. Und da die Schutzrechte am geistigen Eigentum bereits abgelaufen sind, auch kostenlos im Internet.

Vielleicht ist es gerade der Vorteil von Menschen meines Alters, dass sie nicht mit dem und durch das Internet sozialisiert wurden und sich so ein Stück Kritikfähigkeit gegenüber dem Medium erhalten haben.

Übrigens
Wer dem Text bis hierher gefolgt ist, obwohl der bereits eine Länge erreicht hat, der viele User überfordert, für den besteht noch Hoffnung. Und da die Überforderten diesen Teil nicht mehr lesen, können sie auch nicht beleidigt sein.

Ich komme wieder, keine Frage. Also dann. Bis neulich.